Sind ADHS und PTBS „Modediagnosen“?

Bei einer Veranstaltung im Rahmen der Frankfurter Psychiatriewoche referierte Dr. Gerhard Sütfels, Chefarzt in der DGD Klinik Hohe Mark, über vermeintliche „Modediagnosen“ wie ADHS und PTBS. Er machte deutlich, dass diese Erkrankungen ernst zu nehmen sind, es aber einer professionellen und differenzierten Diagnostik bedarf.

Bei seinem Vortrag hat Dr. Gerhard Sütfels die Debatte um vermeintliche „Modediagnosen“ kritisch eingeordnet. Vor über 70 Besucherinnen und Besuchern betonte er, dass es nicht „Modediagnosen“, sondern richtig und falsch gestellte Diagnosen gibt – und dass die steigende Nachfrage nach Abklärung psychischer Erkrankungen ernst genommen werden muss. Der provokante Titel „Modediagnosen oder überfällige Wahrnehmung?“ diente dabei bewusst als Türöffner für eine differenzierte Auseinandersetzung mit ADHS, posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) und Erschöpfungssyndromen.

Mehr Diagnosen – nicht automatisch mehr Krankheit

Ausgangspunkt des Vortrags war die seit Jahren geführte Diskussion, ob unsere Gesellschaft „immer kränker“ wird oder ob wir psychische Belastungen lediglich sensibler wahrnehmen und häufiger benennen. Dr. Sütfels verwies auf Daten, nach denen psychische Erkrankungen immer häufiger ein Grund für Krankschreibungen und verfrühte Renteneintritte sind. Zugleich machte er deutlich, dass eine steigende Zahl von Diagnosen nicht automatisch bedeutet, dass die Bevölkerung kränker wird, sondern auch Ausdruck eines gesellschaftlichen Fortschritts sein kann: Menschen suchen früher und häufiger Hilfe, um eine Chronifizierung seelischer Leiden zu vermeiden. Dr. Sütfels verwies aber auch auf wachsende Belastungen in der Arbeitswelt und einen hohen psychischen Druck durch Effizienzsteigerung, Social Media und permanente Selbstoptimierung, die gerade jüngere Menschen stark unter Stress setzen. In einer Zeit, die durch Kriege, politische Verunsicherung und moralisch fragwürdige Machtausübung geprägt ist, seien seelische Reaktionen auf diese Rahmenbedingungen keineswegs Ausdruck von „Mode“, sondern nachvollziehbare Reaktionen auf besondere Belastungen.


Diagnose zwischen Stigmatisierung, Zugang zu Hilfe und Identität

Ein zentraler Teil des Vortrags war der Frage gewidmet, warum gute Diagnostik so entscheidend ist. „Diagnostik ist bereits Intervention“ – dieser Leitgedanke aus der Traumatherapie bei suchterkrankten Menschen zeigte für ihn beispielhaft, dass schon das gemeinsame Verstehen der eigenen Geschichte Selbstabwertung reduziert und den Blick auf Ressourcen und Veränderungsmöglichkeiten öffnet. Gleichzeitig ordnete Dr. Sütfels den Trend zu Online-Selbstdiagnosen anhand von kurzen Fragebögen kritisch ein. 


ADHS bei Erwachsenen: hohe Zahl Betroffener

Anhand von ADHS zeigte Dr. Sütfels, wie anspruchsvoll seriöse Diagnostik in der Praxis ist. Nach aktuellen Daten leiden etwa drei Prozent der Erwachsenen unter ADHS– ein Anteil, der verdeutlicht, dass ADHS keineswegs ein seltenes Phänomen ist. Zugleich betonte Dr. Sütfels, dass Konzentrationsschwankungen und Unaufmerksamkeit zur normalen Bandbreite menschlichen Erlebens gehören und nicht automatisch krankhaft sind. Für eine belastbare ADHS-Diagnose brauche es einen sorgfältigen Blick auf mögliche Symptome im Kindesalter, das Auftreten typischer Merkmale in mehreren Lebensbereichen, eine nachweisbare Einschränkung der Lebensqualität und die differenzierte Abgrenzung gegenüber anderen psychischen und körperlichen Erkrankungen. Besonders wichtig sei zudem die Berücksichtigung von Emotionsregulationsproblemen, die in klassischen Diagnosekriterien bislang zu wenig Beachtung finden, aber für das Erleben vieler Betroffener zentral sind. Auch die häufigen Komorbiditäten unterstrichen für ihn die Ernsthaftigkeit der Erkrankung: Menschen mit ADHS haben ein deutlich erhöhtes Risiko, zusätzlich an Depressionen, Angsterkrankungen oder Suchterkrankungen zu leiden.


Mehr als Tabletten: Multimodale Behandlung 

In Bezug auf die Behandlung verwies Dr. Sütfels auf die hohe Effektstärke der ADHS-Medikation im Vergleich zu vielen anderen Psychopharmaka bei anderen Erkrankungen. ADHS-Medikamente können bei vielen Betroffenen deutlich spürbare Verbesserungen bewirken – allerdings vor allem im Bereich Aufmerksamkeit und Organisation, weniger im Bereich der Gefühle. Daher sei es fachlicher Konsens, Medikation nicht isoliert zu betrachten, sondern sie in ein multimodales Behandlungskonzept einzubetten, das Psychoedukation, strukturierte Tagesgestaltung, positive Rituale, körperliche Aktivität, Achtsamkeit und die Arbeit an Ressourcen und Lebensumfeld umfasst.


Trauma, PTBS und komplexe PTBS: Hohe Prävalenz, klare Kriterien

Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags lag auf Traumafolgestörungen. Dr. Sütfels griff Daten auf, nach denen bis zu 75 Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens traumatische Erfahrungen machen– etwa schwere Unfälle, Gewalt, Missbrauch oder lebensbedrohliche Erkrankungen. Die meisten dieser Menschen entwickeln jedoch keine PTBS. Für eine PTBS-Diagnose brauche es neben einem objektiven Katastrophenereignis die typischen Symptomgruppen wie ungewolltes Wiedererleben, Vermeidung und Übererregung, die in strukturierten Interviews oder validierten Fragebögen erfasst werden können. Mit Blick auf die komplexe PTBS verwies Dr. Sütfels auf das neue Diagnosesystem ICD‑11, in dem langanhaltende und wiederholte Traumatisierungen besonders berücksichtigt werden. 


Adverse Childhood Experiences und Neurobiologie

Besonders eindrücklich stellte Dr. Sütfels die Bedeutung sogenannter „Adverse Childhood Experiences“ (ACE) heraus. Er erinnerte daran, dass Menschen, die mehrere schwer belastende Erfahrungen in der Kindheit durchlaufen haben – etwa Missbrauch, Gewalt, Vernachlässigung oder Suchterkrankungen in der Familie – ein deutlich erhöhtes Risiko für spätere körperliche und psychische Erkrankungen tragen. Dr. Sütfels unterstrich dabei, dass psychische Erkrankungen stets auch eine körperliche, neurobiologische Seite haben: Veränderungen in Hirnstrukturen, etwa in sensorischen Cortizes von Menschen, die Gewalt beobachtet haben, zeigen, dass traumatische Erfahrungen im Körper gespeichert werden. Deshalb reiche es nicht, allein per Willensentschluss zu sagen „Ich ändere mich jetzt“, sondern es brauche therapeutische Prozesse, die helfen, die „Hardware“ des Körpers Schritt für Schritt umlernen zu lassen.

Leitliniengerechte Behandlung und regionale Versorgungsstrukturen

Abschließend verwies Dr. Sütfels auf die aktuellen Leitlinien, die bei PTBS traumafokussierte Psychotherapien mit der höchsten Evidenz bewerten und bei komplexer PTBS zusätzlich das Training emotionaler, interpersoneller und selbstbezogener Kompetenzen empfehlen. Medikamente wie Antidepressiva seien nachrangige Optionen und häufig nur dann angezeigt, wenn psychotherapeutische Angebote nicht ausreichend verfügbar seien. Als besonders wirksame nicht-medikamentöse Maßnahme stellte er erneut Sport und Bewegung heraus, die bei nahezu allen psychischen Erkrankungen eine zentrale Rolle spielen und bislang in vielen Einrichtungen noch nicht in dem Umfang umgesetzt werden, den die Evidenz nahelegt. Die DGD Klinik Hohe Mark arbeitet daher an erweiterten Bewegungsangeboten sowie an einem Versorgungsnetz für akut traumatisierte Menschen und Betroffene mit Verdacht auf Traumafolgestörungen. Bereits jetzt besteht eine Notfallsprechstunde der Psychiatrischen Institutsambulanz (www.hohemark.de/pia).


Foto: Dr. Gerhard Sütfels beim Vortrag in der Frankfurter Bosigallee


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