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Als „Widerstandskraft der Seele“ ist Resilienz seit einiger Zeit in aller Munde. Was genau bedeutet der Begriff?
Prof. Dr. Markus Steffens: Resilienz beschreibt die Fähigkeit, in schwierigen Zeiten und Krisen die psychische Gesundheit aufrechtzuerhalten oder nach besonderen Belastungen wiederzufinden. Der Begriff kommt übrigens aus dem Lateinischen und bedeutet so etwas wie „zurückspringen“. Es geht also darum, trotz Belastungen psychisch gesund zu bleiben oder in einer psychischen Krise zügig wieder ein Wohlbefinden zu erreichen. Allerdings wird Resilienz im öffentlichen Diskurs oft missverständlich als reine Unerschütterlichkeit oder Unverwundbarkeit verstanden. Ein resilienter Mensch ist aber keineswegs unerschütterlich. Auch bei hoher Resilienz gehören Phasen von Angst, Traurigkeit oder Erschöpfung zum Leben und sind zunächst normale Reaktionen auf starke Stressoren. Entscheidend ist, ob wir in solchen Phasen Wege finden, das innere Gleichgewicht wiederherzustellen – etwa indem wir Belastungen reduzieren, wohltuende Aktivitäten in den Alltag integrieren oder uns Unterstützung suchen.
Welche Faktoren schützen unsere psychische Gesundheit am stärksten?
Wir wissen aus vielen Studien, dass gute Schlafqualität, regelmäßige körperliche Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und eine positiv gelebte Spiritualität eng mit höherer Resilienz verbunden sind. Bewegung, Sport und Natur sind klassische „Akku‑Lader“. Sie regulieren Stresshormone und können die Stimmung verbessern – genau deshalb empfehle ich meinen Patientinnen und Patienten, positive Aktivitäten gezielt in den Alltag einzubauen. Ebenso wichtig sind positive soziale Kontakte, wohltuende Beziehungen und persönliche Interessen, durch die wir Sinn erleben und bei denen wir unsere Stärken und Fähigkeiten „trainieren“ können. Resilienz entsteht also nicht durch eine einzelne Aktivität, sondern durch das Zusammenspiel von Schutzfaktoren, die unsere psychische Gesundheit stärken.
Welche Bedeutung haben Familie, Freundschaften und andere soziale Kontakte genau für die Resilienz?
Familie, Freundschaften und andere soziale Kontakte sind zentrale Säulen der Resilienz: Sie können Verbundenheit vermitteln, in schwierigen Phasen entlasten und dazu beitragen, dass wir uns gesehen, gewollt und geliebt fühlen. Wir unterscheiden bei der Resilienz eine persönliche, eine familiäre und eine soziale Säule – in allen dreien können Menschen ihre Resilienz trainieren, indem sie diese positiven Beziehungen pflegen. Wer sich einsam fühlt, sollte erste Schritte wagen und etwa im Ehrenamt, in Vereinen, Gemeinden oder Selbsthilfegruppen aktiv werden. Das braucht Mut, aber gelingende Begegnungen mit Menschen, die mir gut tun, sind wichtige Bausteine für mehr Resilienz.
Man gewinnt den Eindruck, dass auch die weltpolitischen Spannungen dem Thema Resilienz eine neue Wichtigkeit verliehen haben. Wie kann man auf gesunde Weise mit all den negativen Nachrichten und globalen Krisen umgehen?
Nachrichten über Kriege, die Klimakrise oder politische Konflikte können starke Stressoren sein, die unser Anspannungslevel dauerhaft erhöhen und bei manchen Menschen Hoffnungslosigkeit oder Hilflosigkeit auslösen. Ein gesunder Umgang bedeutet daher, informiert zu bleiben, ohne sich pausenlos mit alarmierenden Meldungen zu überfluten. Dazu gehört es, dass wir Nachrichten zeitlich begrenzen, Quellen bewusst auswählen und auch Medienpausen einplanen. Hilfreich ist zudem, vom bloßen Konsum ins Handeln zu kommen – etwa sinnvolle Beiträge im eigenen Umfeld zu leisten oder unsere Wahrnehmung für das, was noch gelingt und gut ist, zu trainieren, etwa mit einem Dankbarkeitstagebuch. So behalten wir die Welt im Blick, ohne uns überwältigen zu lassen und stärken gleichzeitig das Erleben von Selbstwirksamkeit.
Wie hängt Resilienz mit Spiritualität und dem christlichen Glauben zusammen?
Aus wissenschaftlicher Sicht kann positiv gelebte Spiritualität und Religiosität ein wichtiger Resilienzfaktor sein: Sie bietet einen Deutungsrahmen, Hoffnung sowie Werte und Gemeinschaft, die Menschen in Krisen helfen können. Auch in meiner klinischen Arbeit sehe ich, dass positive Glaubenserfahrungen und das Erleben, von Gott bejaht und getragen zu sein, vielen Menschen in Krisen sehr helfen. Gleichzeitig ist es leider so, dass ein destruktives Gottesbild, etwa ein strafender, verurteilender Gott, psychische Belastungen verstärken und Schuldgefühle vertiefen kann. Entscheidend ist daher, wie der Glaube erlebt und gelebt wird.
Wie verändert eine psychische Erkrankung, etwa eine Depression, die eigene Spiritualität und den Glauben an Gott?
Hier gibt es besonders bei depressiven Erkrankungen eine große Herausforderung. Der zentrale Unterschied zum „Normalzustand“ ist die Unfähigkeit emotional reagieren zu können. Man kann sich das vorstellen wie eine Gitarre mit ungespannten Saiten, auf der es nicht mehr gelingt, fröhliche oder traurige Lieder zu spielen. Menschen berichten in der Depression typischerweise von einem völlig veränderten Erleben der eigenen Gefühle, etwa von innerer Leere oder von drängenden Schuldgefühlen. Dies kann dann auch das Erleben eigentlich guter Partner- oder Freundschaftsbeziehungen stark belasten. Drängende Zweifel können entstehen, wie „ich habe die Liebe verloren“ oder „ich habe massive Fehler gemacht“. Wenn gläubige Menschen nicht mehr emotional reagieren können, interpretieren sie dies fälschlicherweise oft als eigenes Glaubensversagen oder als Beleg dafür, dass sich Gott von ihnen abgewandt hat. Das war ein zentrales Thema bei unserem ersten Hohe-Mark-Symposium im September. Hier kann es wichtig sein, eine gründliche spirituelle Anamnese zu erheben und ggf. neben der leitliniengerechten Depressionstherapie auf Wunsch auch Kontakt zur Seelsorge herzustellen.
Wie erkennt man frühzeitig, dass die eigene Belastungsgrenze erreicht oder überschritten ist?
Wenn eine bestimmte individuelle Grenze überschritten wird, kommt jede und jeder von uns in einen Krisenmodus. Das geschieht meist schleichend: Der innere „Akku“ ist dann schon stärker entleert, das Aufladen gelingt nicht mehr richtig. Frühwarnsignale zeigen sich dabei auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Körperlich äußert sich die Überlastung häufig durch Schlafstörungen, muskuläre Verspannungen, Magen-Darm-Beschwerden ohne erkennbare Ursache oder eine erhöhte Infektanfälligkeit. Auf der emotionalen Ebene machen sich innere Unruhe, erhöhte Reizbarkeit, ständiges Grübeln oder ein Gefühl emotionaler Taubheit bemerkbar. Sozial kommt es oft zu einem schleichenden Rückzug von Mitmenschen. Wenn man merkt, dass der Akku nur noch entleert wird und kaum noch etwas ihn auflädt, ist der erste Schritt, innezuhalten und Belastungen und – auch selbst auferlegte – Aufgaben zu reduzieren und gleichzeitig kleine positive Aktivitäten und Kontakte wieder in den Alltag holen. Hilfreich kann es auch sein, mit vertrauten Personen über die eigene Situation zu sprechen.
Wo endet Selbsthilfe und ab wann sollte man sich professionelle Unterstützung holen?
Selbsthilfe hat einen hohen Stellenwert. Viele Belastungen lassen sich durch Veränderungen im Alltag, durch Bewegung, soziale Kontakte oder Entlastung von Aufgaben gut auffangen. Sie endet dort, wo der Leidensdruck sehr groß wird, Symptome anhalten, der Alltag nicht mehr funktioniert oder sich der Eindruck verfestigt, dass der innere „Akku“ trotz aller Bemühungen nicht mehr aufgeladen werden kann. Bei Verdacht auf eine depressive Erkrankung, Angststörung oder andere psychische Störung empfehle ich, frühzeitig professionelle Hilfe zu suchen. Je länger man eine Behandlung aufschiebt, desto mehr erfüllte Lebenszeit geht verloren. In vielen Fällen wird auch die Behandlung schwieriger, wenn sich Probleme wie Grübelschleifen über einen langen Zeitraum verfestigt haben.
Was können Angehörige tun, wenn sie merken, dass Menschen in der Familie psychisch krank werden oder möglicherweise an einer Depression leiden?
Angehörige können hier eine wichtige Rolle spielen. Hilfreich ist zunächst, aufmerksam zuzuhören, die Beschwerden ernst zu nehmen und nicht zu bagatellisieren. Es gibt allerdings auch weit verbreitete Irrtümer zur Rolle der Angehörigen. Diese können und sollen keine therapeutischen Aufgaben übernehmen. Außerdem ist eine Antriebsschwäche ein Symptom von Depression, was es betroffenen Menschen immer schwerer macht, Aufgaben zu bewältigen. Angehörige denken dann häufig, sie könnten am besten helfen, wenn sie diese Aufgaben übernehmen. Viel wichtiger ist es jedoch, betroffenen Menschen dabei zu helfen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, denn auch das kann Kraft, Energie und Zeit kosten. Wenn es gelingt, gemeinsam Schritte in eine Behandlung zu gehen, steigt die Chance, dass Betroffene bald wieder in ein lebenswertes, hoffnungsvolles Leben zurückfinden. Darüber hinaus ist es sehr hilfreich, wenn Angehörige betroffene Menschen dabei unterstützen, wieder erste kleinere positive Aktivitäten aufzunehmen, etwa gemeinsam kleine Spaziergänge machen, etwas Kreatives gestalten oder kleine positive Unternehmungen ermöglichen.
Vielen Dank für das Gespräch.
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